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Paul Gerhardt zum 350. Todestag

 

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben.“ 

 

So beginnt das vielleicht bekannteste Lied von Paul Gerhardt.

Paul Gerhardts Todestag jährt sich am 27. Mai zum 350. Mal. Seine Lieder sind aber bis heute lebendig geblieben. Er hat über 20 Lieder gedichtet, die bis heute im evangelischen Gesangbuch stehen.


Paul Gerhardt lebte in einer sehr bewegten Zeit. Zur Welt kam er im Jahr 1607. Kurz danach wurde das Fernrohr erfunden. Galileo Galilei legte die Grundlagen der Physik. Die Kenntnis der Welt nahm sehr zu. Rene Descartes suchte die Grundlage der Erkenntnis im abstrakten Denken: „Ich denke, also bin ich.“ Natur und Geist werden streng getrennt.


In dieser Welt leitet Paul Gerhardt zu einem ganzheitlichen Dasein: „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ - kein Lehrsatz, sondern eine freundliche Einladung zur Bewegung. Wohin? Zur Freude an der Natur. „Schau an – Siehe“.
Anschauung, Gefühl und Denken sollen ineinandergreifen. Wie? In der Betrachtung der schönen Gärten. Es ist eine ganz einfache Bewegung, zu der uns der Dichter auffordert: Geh aus, nimm dein Herz mit, suche die Schönheit der Natur, und du findest Freude. Weil dies alles zusammengehört als Gaben Gottes: Das Herz, die Freude, das Leben in
der Natur und das Leben in mir und dir.


Eine Anleitung zur Freude, die in unsere Zeit passt, weil die Gegenwart ebenfalls sehr bewegt ist. Aber nicht freundlich bewegt, sondern eher Befürchtungen weckt. Schon morgen kann vieles anders sein als heute, und
übermorgen will man sich kaum vorstellen. Paul Gerhardts Zeiten waren auch politisch sehr bewegt. Sein halbes Leben war bestimmt vom dreißigjährigen Krieg. Seine Heimatstadt, Gräfenhainichen in Sachsen, wurde ganz niedergebrannt, sein Bruder starb an den Folgen dieser Gewalttat. Erst als dieser Krieg vorbei war, konnte er seine erste Pfarrstelle antreten. Da war er 44 Jahre alt. Vorher musste er sich als Hauslehrer durchschlagen.


In dieser schweren Zeit, in diesen widrigsten Umständen hat der Dichter dieses Lied geschrieben! Vielleicht ist es auch deshalb eine so gute Anleitung, um Freude zu finden. Paul Gerhardt musste selbst diesen Weg oft gehen,
den Weg aus in sich gekehrter Traurigkeit zur Freude. Deshalb: Geh aus!


Die zweite Strophe zeigt, was zu sehen ist auf dem Weg: Grünende Bäume, Narzissen und Tulpen. Nanu – in der Sommerzeit Narzissen und Tulpen? Ist da dem Dichter nicht etwas durcheinander gekommen? Das sind doch
Frühlingsblumen! Doch das ist durchaus Absicht, meine ich. Denn die Freude, zu der uns Paul Gerhardt führen will, soll uns in einen Garten bringen, wo es gleichzeitig blüht und fruchtet, wo Frühling, Sommer und Herbst
ununterscheidbar sind: Christi Garten, das Paradies.


Nehmen Sie ihr Gesangbuch, schlagen Lied 503 auf und lassen Sie sich von Paul Gerhardt auf den Weg bringen. Es ist ein guter Weg, 15 Strophen lang. Und dann fassen Sie sich ein Herz, gehen Sie hinaus, in die liebe, schöne Sommerzeit.

 

Pfarrer Reiner Isheim